Die Nase, das unbekannte Wesen

Neulich im Bio-Supermarkt erschnüffelte meine Nase etwas Ungewöhnliches. Beim Obst wurde ich fündig - die Birnen waren es, die mich lockten, nur noch ein paar wenige, in Papier eingewickelt, ein farblich schöner Anblick mit all den Rot-, Gelb- und Orangetönen. Ich griff zu und tat zuerst riechen. Ich zog den satten Duft tief ein...und fiel fast um! So einen intensiven, frischen Duft von reifer Birne hatte ich nicht erwartet. Der Duft schoß in die Nase durchs Gehirn und von dort wanderte der Impuls einmal durch den ganzen Körper. Ich war ergriffen, berührt und auch etwas erschrocken.

In der Regel wird unser Alltag von einer Unzahl von Gerüchen begleitet, einige beleben oder entspannen, viele - vor allem in der Großstadt - belästigen. Aber die Fähigkeit, bewußt Gerüche wahrzunehmen, lässt nach, je weniger sie eingesetzt und genutzt wird. Das bemerke ich bei meinen Verkostungen auch, in den letzten Jahren hat die Anzahl der Gäste, die sich zum Riechen an der Schokolade Zeit nehmen und denen es leicht fällt, Aromen wie Kakao, Kaffee, Rauch, Blumennoten zu erkennen und benennen zu können, deutlich abgenommen.

Die Forschung sagt, dass heute Industriearbeitende und GroßstadtbewohnerInnen als am stärksten betroffen gelten - Luftverschmutzung, trockene Luft in den Wohnungen, falsche Ernährung und die Überfütterung mit visuellen und akustischen Reizen lassen die Geruchswahrnehmung verarmen.

Doch es gibt Hoffnung, das Riechen kann zurück erobert werden. So lädt zum Beispiel der Duft- und Tastgarten in Berlin Dahlem, ausdrücklich ein, nicht nur hinzuschauen, sondern auch anzufassen, die Nase in die Blüten zu stecken und sich betören zu lassen.